Die Rote Insel

 

Text: Ulf Schumann

 

Der neue Standort des Druckhauses Berlin-Mitte liegt am Rande Schönebergs auf der Roten Insel - ein Ort mit Tradition, der allmählich in den Fokus der Aufmerksamkeit
rückt.

 

Abgeschottet durch Wannsee-, Ring- und Dresdner Bahn - also gleich einer „Insel“ mitten in Berlin-, konnte das Viertel in den letzten Jahren vergleichsweise ruhig
abseits des Hypes um sogenannte Szenekieze seine soziale Mischung bewahren.

 

Auf ihre Geschichte sind die Insulaner stolz, so wehren sie sich seit Jahren erfolgreich gegen eine politisch neutralere Umbenennung ihres Viertels in „Schöneberger Insel“. Das Attribut „rot“ wurde schließlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hart erkämpft. Die Geschichte, dass der Schöneberger Bierverleger Bäcker in der Sedanstraße (heute Leberstraße) eine rote Fahne aus dem Fenster gehängt hatte, um gegen den Hurra-Patriotismus zu demonstrieren bei der Rückkehr Kaiser Wilhelms I. nach einem Kuraufenthalt infolge zweier Attentate, gehört sicher in die Abteilung Mythos. Aber dennoch war die Insel immer ein Ort der kleinen Leute, ein typisches
Arbeiterviertel am östlichen Rand der bis 1920 selbständigen Stadt Schöneberg. Der Lärm durch die Bahnlinien, die Abgasschwaden aus den westlich gelegenen „besseren“ Wohnvierteln, dazu die Industrie - angenehm war das Leben bestimmt nicht.

 

Bereits vor dem ersten Weltkrieg konnte die SPD auf der Insel überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielen; in der Weimarer Republik verschärfte sich die soziale Lage der Arbeiter, was sich auch in den guten Wahlergebnissen der „roten“ Parteien SPD, KPD und USPD widerspiegelte. Bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches im Jahr 1920 und den Kämpfen vor dem alten Schöneberger Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Platz kam der Bevölkerung der Roten Insel eine zentrale Bedeutung zu. Und bis zur Machtergreifung der Nazis traute sich die SA nur in großen Trupps und schwer bewaffnet in das links dominierte Viertel.

 

Einer der führenden Köpfe der Widerstandskämpfer des 20. Juli, der Sozialdemokrat Julius Leber, arbeitete bis zu seiner Verhaftung und Ermordung getarnt in einer Kohlenhandlung in der Torgauer Straße. Die Reste des Gebäudes konnten gerade letztes Jahr dank der Hartnäckigkeit der Insulaner vor dem Abriss gerettet werden.

 

Aber auch andere berühmte Namen sind eng mit der Roten Insel verbunden, allen voran Marlene Dietrich, die im Haus Leberstraße 65 geboren wurde, Hildegard Knef verbrachte nebenan einen Teil ihrer Kindheit. Der ehemalige Bundestagspräsident
Hermann Ehlers wurde in der Gotenstraße geboren, Willi Stoph, ehemaliger Vorsitzender des Ministerrats der DDR, wuchs hier auf, Friedrich Naumann, liberaler
Politiker der Kaiserzeit, und nicht zuletzt der Arbeiterführer August Bebel wohnten hier für mehrere Jahre.

 

Auch Alfred Lion, nach dem die neue Fußgänger- und Fahrradbrücke nach Tempelhof benannt wurde, wurde 1908 auf der Insel, in der Gotenstraße 7, geboren. Lion und
sein Jugendfreund Frank Wolff flüchteten vor den Nazis nach New York, gründeten dort das Jazz-Label Blue Note Records und schrieben Musikgeschichte.

 

Seit den 1960er Jahren ist die Einwohnerzahl im Kiez stark geschrumpft: früher wohnten hier gleichmäßig rund 35.000 Menschen, heute sind es nur noch etwa 13.000. Die zahlreichen Kneipen und kleinen Läden verschwanden nach und nach und wurden in Ladenwohnungen umgewandelt. Nach der Wende rückte die Aufmerksamkeit in Richtung Mitte, Schöneberg und vor allem die Rote Insel befanden
sich jetzt erst Recht in einer ungünstigen Randlage.

 


Doch es gibt Anzeichen, dass sich die Situation allmählich ändert. 2006 eröffnete am Rande der Insel mit dem Südkreuz der zweitgrößte Fernbahnhof Berlins. Auf dem
ehemaligen Gasag-Gelände mit dem alten Gasometer - 78 Metern hoch und damit fraglos das bedeutendste Wahrzeichen der Insel - hat sich mit der Euref-AG im Westen der Insel ein Unternehmen mit hochfliegenden Plänen angesiedelt.
Sollte anfangs noch eine „Energie-Universität“ gegründet werden, ist jetzt von zahlreichen Neubauten für Unternehmen aus dem Energiebereich die Rede.

 


Im Rahmen des „Stadtumbaus“ wird zur Zeit eine Reihe von Grünflächen und -verbindungen geschaffen, die sich zur sogenannten „Schöneberger Schleife“ entlang der Bahntrassen zusammensetzen sollen. Ziel ist es, eine durchgehende Verbindung für Fußgänger und Radfahrer vom Möckernpark, über den Gleisdreieck- und Flaschenhalspark (das ehemalige Bahngelände südlich der Yorckstraße) bis zum Südkreuz mit Anschluss zum Südgelände zu schaffen. In einem Bogen nach Westen entlang der Ringbahn führt der Weg in den Cheruskerpark und von dort in den Graben der Wannseebahn wieder nach Norden und findet seinen Abschluss am Potsdamer Platz.

 


Seit 2011 sendet Günther Jauch aus dem Gasometer jeden Sonntag die wichtigste Talkshow der Republik. Zum Einzug in das Industriedenkmal sagte er noch, dass die
Umgebung mit den zahlreichen Autowerkstätten „nicht wie geschleckt“ aussehe. Inzwischen wurden diese Autowerkstätten dem Erdboden gleichgemacht zugunsten
einer Erweiterung des Cheruskerparks. Auch der schon erwähnte Alfred-Lion-Steig mit der Hertha-Block-Promenade, die eine Durchquerung der Insel von Ost nach West
ermöglichen, sind dein Teil des Stadtumbaus, ebenso wie die neue durchgehende Wilhelm-Kabus-Straße, die bis vor wenigen Jahren lediglich eine Stichstraße in das Industriegebiet war.

 


Die neuesten Nachrichten von der Roten Insel sorgen für Diskussionsstoff: Karstadt-Investor Nicolas Berggruen hat dieses Jahr das 80.000 qm große Industriegebiet
Naumannstraße aufgekauft und möchte nach ersten Verlautbarungen ein Gelände für Kulturschaffende und Kreativwirtschaft unter dem Namen „Naumannpark“ schaffen. Alteingesessene Firmen und Mieter sorgen sich nun um ihre Zukunft.

 


Es ist viel in Bewegung geraten auf der Roten Insel, wie überall in der Stadt steigen auch hier die Mieten, auf der anderen Seite sind neue Cafés und Geschäfte zu beobachten. Licht und Schatten, wie allerorten in der Stadt, wenn auch mit einiger Verzögerung.

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